Die auf Dauer angelegte systematische Ausbeutung sozialer Zwangslagen bei Verbraucherkrediten, Wohnungsmiete und prekären Arbeitsverhältnissen (life time contracts) zur marktwidrigen Gewinnerzielung schafft eine Grundlage des Misstrauens in kapitalistischen Gesellschaften und zu anderen Nationen, die uns unfähig macht, die Weltprobleme geeint und effektiv anzugehen. Der Kampf gegen den Wucher betrifft alle.

Klimawandel und sozialer Zusammenhalt

Erderwärmung, Plastikmüll, Artensterben, Ebola, Migration, Verschmutzung von Luft und Wasser haben aus Problemen der Menschen Probleme der Menschheit gemacht. Das „Wir“ betrifft alle. Nur wenn jeder mitmacht lassen sich die Probleme bewältigen. Das ist neu. Prinzip alles geldgesteuerten Wirtschaftens war bisher der Wettlauf um die höchst mögliche individuelle Ausbeutung der Natur: „Macht euch die Erde untertan“. Nun ist sie erschöpft. Für das Überleben unserer Enkel verlangt sie Verzicht, Schonung und Reparatur: nachhaltiges Leben, klimaneutrale Energie, Rückgabe von Lebensraum an Fauna und Flora.

Politik und Wirtschaft versprechen hierfür Geld. Doch heilt es die Wunden? Es ist doch gerade die Abstraktion des Geldes vom eigentlichen Wert der Dinge, die uns den Blick auf das, was mit Arbeit und Natur in den letzten 150 Jahren in großem Stile passiert ist, verstellt. Geld kann Arbeit vermitteln aber nicht ersetzen. Es organisiert die Reparatur aber schafft sie nicht. Dabei nutzt die Wirtschaft den unbegrenzten Geldgewinn als Anreiz, der die Mehrung dessen, was wir als Reichtum verstanden, so vortrefflich zum Anliegen aller gemacht hat. Dieser Anreiz, der auch die Naturzerstörung belohnte, soll nun ökologische Nachhaltigkeit zum neuen kollektiven Reichtum aller machen und dabei das Geld nutzen. Wie geht das?

Arbeit muss kollektiv gedacht werden. Jede Arbeit auch die unbezahlte im Konsum ist gefragt. Milliardenprogramme nützen nichts, wenn sie nicht in der notwendigen solidarischen Arbeitsleistung für das Richtige münden. Dabei muss die produktivste Form jeder Arbeit angewandt werden. Jede Ressource, jeder Mensch, jede Motivation und Kooperationsbereitschaft werden gebraucht. Die Ablehnung von Zerstörung, Kriegen, Terrorismus und Exklusion, die der Mensch aus seinem Urbedürfnis nach Frieden und Empathie schon instinktiv in den Religionen forderte, werden rational. Auch die, die an der Zerstörung bisher verdient haben, werden leiden, wenn die Arbeit nicht geleistet wird.

Gefragt ist unbeschränkte Zusammenarbeit. Aus erster bis dritter Weilt muss „Eine-Welt“ werden. Alle Mittel müssen gemeinsam und möglichst widerspruchfrei genutzt werden: Haus und Boden, wirtschaftliche und kulturelle Werke, Patente, Erkenntnisse und Fähigkeiten gleichgültig, ob sie im privaten oder öffentlichen Eigentum stehen. Macht und Eigentum verpflichten.

Reichtum und Verarmung

Doch der soziale Zusammenhalt schwindet. Auch hier geht die USA voran. Die Neue Züricher-Zeitung nennt es die neue Apartheid. Die globalisierte Wirtschaft, Mobilität, Migration und die Auflösung der Familien bedrohen die Grundlage historischen Zusammenhalts in den Gemeinschaften. Kriege, Terrorismus, Ausbeutung, Abhängigkeit und diffuse Feindbilder nehmen zu. Das „Wir – und die Anderen“ bestimmt die Vorstellung in der Welt von Tätern wie auch Opfern. Der Populismus schickt die Demokratien in die falsche Richtung. Statt Probleme zu lösen sind die Verteidiger der Demokratie, die sich in den wohlhabenden Gebieten konzentrieren, zufrieden, wenn sie das Erreichte bzw. ihr Erreichtes bewahren. In einer Welt fortschreitender sozialer Diskriminierung reicht diese eigentlich konservative Haltung nicht mehr aus. Wahrheit und Wissenschaft gelten nichts mehr, eine Gemeinschaft von Gartenzwergen erhält Zulauf und die anderen sind schuld.

Bedroht uns die Armut?

In einer Gesellschaft, die nach Reichtum strebt, herrscht meist dort, wo man aufbegehrt, Armut. Es erscheint logisch, dass die, die in ihren Hütten nichts haben, den Palästen den Krieg erklären, ohne dafür ein Konzept zu haben. Das Unpolitische der Demonstrationen in Caracas, Buenos Aires, Beirut, Santiago oder Bagdad, bei den Gelbwesten oder Pegida folgt dem Prinzip Erst kommt das Fressen und dann die Moral.

Doch existenzgefährdende Armut ließe sich durch die Produktivität kapitalistischer Wirtschaftsweise besiegen. China hat so den Hunger überwunden. Geht es den Reichen besser, so profitieren auch die Armen. Wachstum schafft die Verteilungsmasse, die die Armen in der Bedürfnispyramide so weit nach oben bringt, dass auch sie sich um Dinge des Gemeinwohls kümmern könnten. So hat der Kapitalismus überall in der Welt für die Armen Entlastung geschafft. Doch schafft dies Frieden? Die sozialdemokratische Spirale kommt dort an ein Ende, wo der Produktivitätsgewinn in einem Lande die erreichten Zuwächse nur noch durch Umverteilung von Arm auf Reich garantiert. Das spüren die Abgehängten auch dann, wenn es ihnen nur tendenziell und relativ schlechter geht. Das Aufbegehren erfolgt daher auch überall im Namen der Gerechtigkeit. Mit dem Vorwurf der Korruption verpackt dies Gefühl in ein legitimatorisches und kriegerisches Gewand. Tatsächlich beuten Geiz und Gier nicht nur die Menschen aus, sondern degradieren sie zu Ausbeutungsobjekten. Zusammenarbeit auch bei gemeinsamen Anliegen oder sogar in der Armutsbekämpfung wird unwahrscheinlicher, wo sich eine Partei nur noch als nützlicher Idiot der anderen vorkommt

Spaltet uns der Reichtum?

Schon die Arbeiterbewegung kritisierte am Kapitalismus weniger die absolute als die relative Armut. Der Unterschied zu den Reichen schaffe Ungerechtigkeit, spalte die Gesellschaft und befeuere die (Klassen)Kämpfe. Der millionenfache Verkaufserfolg der Analyse von Piketty deutet auf eine fortdauernde Problemsicht hin, die sich in Reichensteuern und Umverteilungsforderungen niederschlägt. Tatsächlich besitzen immer weniger immer mehr an Wohnungen, Wald, Altersvorsorge, Aktien, Gesundheit und Geld. Die Reichen profitieren vom CO2 Ausstoß und dem Raubbau an der Natur. Handels-, Cyber-, Bomben- und Bürgerkriege verteidigten sie. Nach dem Scheitern der Alternativen zum Kapitalismus rechts wie links wird die Lösung im Kapitalismus selber gesucht. Er wird vom Ziel zum Mittel des Wirtschaftens.

Soziale Gerechtigkeit gegen Leistungsgerechtigkeit

Man verlangt die gerechte Wirtschaft wie auch immer sie funktionieren soll. Doch was ist gerecht? Soll ein Leben voller Arbeit zur Altersprivilegierung führen? Die Logik von Arbeit und Leistung wird dem, was die Menschen brauchen, nicht gerecht. Nur der Konsum orientiert sich an Bedürfnissen, und Lebensnotwendigkeiten. Das wird als soziale Gerechtigkeit der Leistungsgerechtigkeit entgegengestellt. Wir müssen es auf die Füße stellen. Gerechtigkeit als Menschenrecht ist menschengerecht und damit sozial, Gerechtigkeit als Wirtschaftsprinzip dagegen sachgerecht und damit effizient. Der arbeitslosen alleinerziehenden Behinderten steht im Namen der Gerechtigkeit mehr zu als was sie verdient hat.

Ist der ungerechte Reichtum, aus dessen Überschüssen die soziale Gerechtigkeit finanziert wird, damit der Grund für das Unbehagen an der kapitalistischen Kultur? Eher nicht. Nach Umfragen orientieren sich nur die Reichen nach oben. Die Mittelschicht schaut nach unten und die unten bleiben unter sich und lehnen die ganz oben ab. Doch Neid steht moralisch so tief wie Geiz und Gier. Korruptionsvorwürfe helfen da.

Geldschleier und Armutsstatistiken verdecken, dass Eigentum konsumiert aber auch investiert und damit zum Wohle der Allgemeinheit gebraucht werden kann und soll. Was für den Schlossbesitzer der Denkmalschutz ist, ist für das Unternehmen die Wirtschaft. Kapital lebt wie die Natur von Konzentration und Recycling. Wer darüber bestimmt, ob Manager, Besitzer, Staat oder die Arbeiter, hat sich historisch nicht als entscheidend erwiesen. Wesentlich ist, dass man alle Herrschenden dazu bringt, beim Einsatz des investiven Eigentums das Wohl der Allgemeinheit zu beachten. Geldvermehrung bietet dies nicht. Geld ist Mittel und nicht Zweck.

Verarmung

Die Armutsforschung sieht in den Unterschieden beim Haben das Problem. Es geht aber um das Sein, die unterschiedlichen Möglichkeiten der Teilhabe an gesellschaftlichen Abläufen und am Fortschritt. Geld bzw. Liquidität sind die Instrumente. Gesundheit, Staatsangehörigkeit, Wohnsitz, Bildungsniveau, Alter können sich ebenso wie der Mangel an verfügbarem Einkommen als Barrieren erweisen. Die Geldgeschenke des Staates helfen wenig, wo eine nur noch sachgerechte Gesellschaft die Armut immer neu hervorbringt. Dieser Prozess der Exklusion verschärft die Benachteiligung.

Wucherverbot

Die Einsicht ist nicht neu. Seit Jahrtausenden gilt das Wucherverbot. Gewinne konnten nicht nur durch eigene Arbeit, sondern auch auf Kosten anderer erzielt werden. Diebstahl, Unterschlagung, Betrug und Raub waren die Grenzen, die durch das Eigentum gesetzt waren.  Der Wucher hatte dagegen schon immer eine besondere Rolle. Er erkennt einerseits den Anreiz an, mit dem auch die Bereicherung auf Kosten anderer Wohlstand für alle verspricht. Anders als Diebstahl und Raub betrifft sein Verbot nicht das Gewinnstreben, sondern setzt ihm zwei Grenzen, die aus Gewinnerzielung Wucher machen:: (1) Du sollst die Not eines anderen nicht ausnutzen, (2) Jede Bereicherung muss sich dem Wettbewerb stellen. Beides ist miteinander verknüpft. Man nimmt die Ausbeutung von Not an, wo der Gewinn jenseits der Wuchergrenze liegt. Eine Ausbeutung von Not spricht umgekehrt dafür, dass die Grenzen auch absolut überschritten wurden. (UR)